Deutscher Depeschendienst im Mai 2008
„Wasser erlebbar machen“
In Selters im Taunus entsteht ein Mineralwassermuseum rund um die historische Sprudel-Quelle
Selters (ddp-hes). Was haben Papiertaschentücher, Klebstoff und Mineralwasser gemeinsam? Bei allen drei Produkten hat sich umgangssprachlich ein Firmenname als Begriff eingebürgert. Was der Uhu beim Kleber, das Tempo für Schnupftücher, ist das Selters für Sprudelwasser. Nach dem wirtschaftlichen Aus der Ur-Quelle in Selters-Niederselters vor einigen Jahren soll nun der Brunnen, an dem die Markengeschichte ihren Anfang nahm, mit einem Mineralwassermuseum wiederbelebt werden.
„Es ist das wichtigste Projekt in meiner Dienstzeit“, sagt Norbert Zabel. Der Bürgermeister ist einer der dienstältesten Gemeindeoberhäupter in Hessen. Seit 22 Jahren führt er das Rathaus von Selters im Taunus, einer 8300-Einwohner-Kommune. Geboren ist er im Ortsteil Niederselters, dort wo vor Hunderten von Jahren die berühmte Quelle eingefasst wurde. Es ist eine Herzensangelegenheit: „Schon als Sechsjähriger habe ich Wasser am Brunnen geholt“, erzählt er.
Ausdrücklich erwähnt wurde die Mineralquelle erstmals im 16. Jahrhundert – auch wenn sie wahrscheinlich viel älter ist. Das Wasser hat einen besonders hohen Gehalt an Natriumhydrogencarbonat und Kohlensäure und wurde bereits im 18. Jahrhundert weltweit exportiert – damals noch in Tonkrügen. Der Ort habe vom Wasser gelebt, sagt Zabel. „Was der Dom für Limburg ist, ist für uns der Brunnen.“ Vor acht Jahren hat die Gemeinde schließlich ihr Wahrzeichen von seinem letzten Besitzer, der Binding-Brauerei, gekauft.
Imposant sieht er bereits aus, der mittlerweile zum größten Teil sanierte „Brunnentempel“ im Jugendstil, das alte Füllgebäude der Quelle. In einem ehemaligen Lagerhaus soll im Herbst kommenden Jahres das Museum hinzukommen - inklusive Vortragsraum. Doch was wird es im Sprudel-Museum zu sehen geben? Jedenfalls nicht nur Schautafeln und Vitrinen mit alten Krügen und Flaschen, verspricht Zabel. „Wir wollen das Wasser auch erlebbar machen“, sagt der Bürgermeister.
Der 59-Jährige, studierter Historiker und Geograf, kennt sich aus: Er hat Fachartikel über die Selters-Geschichte veröffentlicht, hält Vorträge zum Thema „Haustrunk“. Die Ausstellung aber werde von einem Spezialisten, einem Museum-Pädagogen geplant, betont Zabel. Vor allem Kinder sollen anschaulich lernen was es auf sich hat mit artesischen Brunnen und der Kohlensäure im Sprudel. „Das wird kein langweiliges Dokumentenmuseum.“
Insgesamt hat die Gemeinde rund 2,5 Millionen Euro zur Finanzierung zusammengetragen – aus diversen Zuschüssen, Verkäufen von Gemeindeflächen und Förderungen. Zuletzt hat Zabel vom hessischen Umweltministerium einen Zuwendungsbescheid über 230.000 Euro bekommen. Das Land fördert das Projekt als „weiteren Baustein im Geopark Westerwald-Lahn-Taunus“ zu dem auch Naturdenkmäler wie die Kubacher Kristallhöhlen bei Weilburg oder der Lahn-Marmor bei Villmar gehören.
Im Supermarkt wird es das Wasser aus der Ur-Selters-Quelle allerdings nicht mehr geben: Als Zabel den Kauf der Quelle mit Binding verhandelte, räumte sich der Konzern ein so genanntes Konkurrenzverbot ein. Was heute als „Selters“ im Regal steht, kommt aus dem Brunnen bei Selters an der Lahn. Doch die Tradition lebt in Niederselters: „Wir haben uns den Haustrunk gesichert“, sagt der Bürgermeister. Für wenig Geld können sich dann die Bürger selber am Brunnen versorgen. Und das gab es schon seit 1720.
Tim Lochmüller 2010 für ml.text&reports // Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung
